Veranstaltung „Mobilität in der Zukunft“, eine Zusammenfassung

Der öffentliche Nahverkehr in Würzburg heute und morgen

Eine Veranstaltung mit dem Geschäftsführer der WVV
Titelbild_MidZ
Foto: Holger Grünwedel

 

„Mobilität in der Zukunft“ war auf der Einladung gestanden für einen Vortrag von Thomas Schäfer. Eingeladen hatten Wü21, der Demokratische Bürgerverein Heidingsfeld und die IWS. Eckhard W. K. Beck, der durch den Abend führte begrüßte den Chef der WVV als einen Mann der jeden Tag an vielen Fronten steht und nun einmal einen weiten Blick auf das werfen kann was noch auf uns zukommt.
Schäfer hielt einen gut strukturierten Vortrag und beleuchtete alle Aspekte von generellen Trends wie dem demographischen Wandel (Kinderzahl nimmt ab und Senioren mit deutlichem Anstieg und der Einwanderung welche unser Problem nicht löst). Umwelt und Energie (historischer Tiefstand bei den Preisen für Rohstoffen, kein Durchbruch bei Energiespeicherung und fehlender Effizienz und Wirkungsgrade). Er zeigte immer wieder die Auswirkungen auf den heutigen ÖPNV auf, z. B. Telearbeit, Einkauf übers Internet und dadurch entstehenden Vernetzungen. Auch die politischen Strukturen werden über Abkommen wie TTIP und zerfallenden Staaten sich anders darstellen. Dazu kommt eine beginnende Entsolidarisierung und der Rückzug der Familien.
Dies alles trifft auf neue Trends in der Mobilität. Carsharing, Rent-a-bike, sowie selbstfahrende Autos werden mit die Zukunft bestimmen. „MIV und ÖPNV werden eins, viele Fragen sind noch zu lösen“. Der ÖPNV sei für jüngere Leute derzeit kein Thema. Diese setzen bevorzugt auf Car-Sharing. Insbesondere ging Schäfer auf ethische und gesetzliche Probleme ein. Ein Rückzug des Staates aus Großprojekten macht eine Steuerfinanzierung des ÖPNV in Zukunft schwierig. Der ÖPNV sei hochgradig subventiniert. Die Kommunen ziehen sich hier aber aus ihrer Veranwortung, da kein Geld dafür verfügbar ist. Mobilität bleibt ein Bestandteil der Daseinsvorsorge, aber seine Bedeutung sinkt. Es gibt eine verstärkte Individualisierung (kleinere flexiblere Einheiten, Buchungssysteme) und Tarife werden über IT gelöst. Ein „Ticket“ sei heute schon nicht mehr zeitgemäß.
Für Würzburg braucht es größere integrierte Strukturen und einen Verbundraum der wachsen muss um eine kritische Größe zu erreichen. Auch kundenspezifische Angebote wie ÖPNV mit Kinderbetreuung, Hol- und Bringdiensten oder Gepäckservice sind anzudenken. Dazu braucht es Kooperationspartner und eine Beobachtung bei der Entwicklung der Technologie.
Eckhard W. K. Beck bedankte sich bei Thomas Schäfer und überreichte ihm die Darstellung einer historischen Lokomotive, als Anreiz für den Kauf neuer leistungsfähiger Straßenbahnwagons.
Nicht zu vermeiden war die anschließende Diskussion, die dann doch wieder aktuelle Probleme in den Vordergrund brachte. Frau Stadträtin Miethaner-Vent („Der Straba fehlt die politische Unterstützung für einen attraktiven Ausbau.“) und weitere Zuhörer wollten vieles zur Tagespolitik der WSB wissen. Insgesamt wurde bemängelt, dass der ÖPNV keine große Lobby hat. Hierzu regte Eckhard W. K. Beck an, dass sich alle vertretenen Vereinigung und Personen für eine Stärkung des ÖPNV aussprechen. Dies wurde einstimmig begrüßt.
Hartmut Schwartz, der mit Thorsten Haas als Vertreter des Verkehrsverbundes Main-Tauber gekommen war, erklärte dass der ÖPNV im Maintauber-Kreis funktioniert trotz der riesigen Entfernungen und Fläche gut. Auch finanziell steht dieser nicht schlecht da. Es gibt aber Probleme mit der Querung der Landesgrenze und Nutzungsrechte in Höchberg. Hier dürfen keine Haltestellen angefahren werden, Fahrgäste müssen in Würzburg umsteigen. Hierzu Schäfer: Der VVM strebt eine Zusammenarbeit mit dem Maintauber-Kreis an. Auch sollten die Orte, die durchfahren werden, auch angefahren werden dürfen.. Er sagte auch einem Treffen mit LK-Vertretern zu.

 

Nach Wolfgang Weier von WÜMS ist der Einzelhandel, für den er sich verantwortlich sieht an eine allgemeine Erreichbarkeit der Innenstadt interessiert. Er wünscht sich ein zusätzliches attraktives Angebot mit Tagen an denen der ÖPNV die Kundschaft entgeltfrei in die Stadt kommen könnte. Der ÖPNV ist für ihn nicht der einzige Verkehr – der motorisierte Individualverkehr muss gleichermaßen funktionieren.
Thomas Wenzel Vorsitzender der Interessengemeinschaft Würzburger Straßenbahn forderte einen Fahrgastbeirat im Verkehrsverbund, damit der öffentliche Nahverkehr attraktiver wird. Auch er kritisierte, dass dem öffentlichen Nahverkehr die entsprechende politische Überstützung fehlt.
Mit einem Zitat von Günter Severin beschloss Eckhard W. K. Beck den Abend: Es ist sinnvoll das Unmögliche zu denken um heute das Mögliche zu erreichen. Ein weiser Spruch eines weisen Mannes.
Hier noch weitere Stellungnahmen:
Eckhard Gunther Beck, Vorsitzender Demokratischer Bürgerverein Heidingsfeld e.V.:
Mobilität ist ein Menschenrecht. Für viele Bürger, die aus Überzeugung kein Auto haben oder es sich nicht leisten können, ist der ÖPNV die einzige Möglichkeit grosse Strecken zu überwinden. Dieser sollte ausgebaut werden. WVV und WSB sind unsere Partner mit denen wir diese Ziele durchsetzten wollen. Dazu bedarf es Überzeugungarbeit im politschen Bereich und viel Öffentlichkeitsarbeit für die Menschen die nicht im Rampenlicht stehen und auf den ÖPNV angewiesen sind.
Gedanken von Dr. Konrad Schliephake:
In Würzburg sind Busse und Straßenbahnen besser als ihr Ruf. Die Bürger benutzen sie für über 40% ihrer motorisierten Bewegungen. Ein ausreichend großer (aber noch erweiterungsbedürftiger) Verbund mit einem Fahrschein für alle Verkehrsmittel, ein dichter Takt auf den Straßenbahn- und einigen Stadt-umland-Buslinien und das für Studenten verpflichtende Semesterticket stabilisieren die Nachfrage. Analysen in den Umlandgemeinden zeigen, dass bis zu 50% der tagesmobilen Bürgerinnen und Bürger bereit sind, bei verbessertem Angebot vom Pkw auf den öffentlichen Personennahverkehr umzusteigen. Dazu sind Maßnahmen in Würzburg wie die nun wohl bald zu realisierende Verlängerung Straßenbahnlinie 1/5 zu den Univ.-Kliniken und ein verbessertes Nachtbusangebot notwendig, noch wichtiger wäre der Bau der Linie 6 Frauenland-Hubland mit Anschluss Gerbrunn. In der Region ist u.a. die Erweiterung des Verkehrsverbundes in Richtung Main-Tauber-Kreis notwendig – die Teilnahme der Herren Schwartz und Haas von der Verkehrsgemeinschaft Main Tauber machte das dortige Interesse deutlich. Die Diskussionen rund um die Ausführungen von WVV-Geschäftsführer Thomas Schäfer zeigten, dass es bei den Planern nicht an Visionen und Projekten fehlt. So hat die Würzburger Straßenbahn ein Investitionsprogramm mit 18 neuen Triebwagen und Streckenausbauten aufgelegt. Es fehlt eher der politische Willen der regionalen Gremien. Diese sollten erkennen, dass unsere ökologischen (Klimawandel durch Kfz- Emissionen) und ökonomischen (Wohnstandortwahl der Bürger führt zu regionalen Ungleichgewichten) Probleme eng mit dem Mobilitätsverhalten der Bürger zusammenhängen. Wenn die öffentlichen Verkehrsbetriebe keine Alternative zum motorisierten Individualverkehr bieten, geraten Regionen in die Krise.

 

Reiner Lanowski,Vorsitzender von Wü21:
In der Zukunft wird aufgrund der Prognosen für das Verkehrsaufkommen die Straßeninfrastruktur zusammenbrechen, schon heute deutet sich zu Spitzenzeiten die Überlastungen des Straßennetzes in Würzburg an.
Die Belastung der Luft wird noch lange Zeit zunehmen und zu erheblichen gesundheitlichen Belastungen führen.Dies zeigen schon heute Städte wie Stuttgart, die in einer ähnlichen topographischen Lage sind. Von daher sieht Würzburg21 den ÖPNV als entlastendes Verkehrsmittel als alternativlos an. Ohne einen starken und attraktiven ÖPNV wird die Lebensqualität in Würzburg erheblich abnehmen.

Zu den Kosten des ÖPNV sei zu sagen, das auch der MiV hochgradig subventioniert sei, u.a. durch das Gesundheitssystem, auf das ein großer Teil der Probleme abgewälzt wird. Hier ist ein Umdenken erforderlich, welches den ÖPNV finanziell auf die selbe Ebene hebt wie den MiV. Hier sind die Kommunen und das Land gefragt.

Dem ÖPNV fehlt die entsprechende politische und gesellschaftliche Unterstützung, nur wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, der einen besseren ÖPNV will, wird sich der ÖPNV verbessern. Die ökologische Wende wird ohne  nicht stattfinden. Eine weitere Zunahme des Autoverkehrs wird die Luft- und Lebensqualität in der Stadt weiter verschlechtern und das Fahrrad ist  aufgrund der Topografie und einer alternden Gesellschaft keine ausreichende Alternative, diese kann nur der ÖPNV sein.
Holger Grünwedel, Ex-Stadtrat, Würzburg21 e.V.:
Wir sehen die städtebauliche Entwicklung in Würzburg mit Sorge. Eine dringende Verkehrsplanung steht aus, die Prognosen der Entwicklung des motorisierten Individualverkehrs deuten auf einen drohenden Kollaps in der Innenstadt hin. Dies kann weder aus Sicht des Umwelt- und Gesundheitsschutzes, noch auf Sicht der Lebensqualität hingenommen werden. Wir sehen den ÖPNV daher als wichtigsten Teil der Lösung und infolgedessen auch als unverzichtbar an. Wir wollen den Einzelhandel in der Innenstadt halten und ihn dort konkurrenzfähig halten. Nur so ist ein diversifizierter Einzelhandel überhaupt denkbar. Einkaufszentren in der Peripherie lehnen wir ab – diese dienen nicht wirklich dem Kunden, verursachen aber massive Verkehrsbewegungen mit hohem CO2-Ausstoss und verarmten Angebot. Gleichzeitig wird die Innenstadt als kulturelles Zentrum massiv abgewertet und verwüstet. Der ÖPNV im Würzburger Verbund muss zur Bewältigung seiner Aufgaben sein Angebot ausbauen. Zu nennen seien hier bessere Vernetzung, bessere Taktung und Ausbau des Netzes. Dies muss finanziert werden. Hier sehen wir die Kommunen (vor allem Würzburg), wie auch das Land Bayern in der Verantwortung. Ansonsten wird Würzburg in Zukunft seiner Aufgabe als Oberzentrum nicht mehr gerecht. Konsumenten werden sich von der Innenstadt fernhalten und die Problematik wird sich an anderer Stelle noch erhöhen.